
Kapitel 1
– 𝖂𝖊𝖗 𝖇𝖎𝖓 𝖎𝖈𝖍 𝖊𝖎𝖌𝖊𝖓𝖙𝖑𝖎𝖈𝖍 ? –
Jo, gute Frage. Erstmal: Bin ich eine Frau? Das können wir schon mal abhaken. Mein Name ist Nurbanu, oder wie ihr mich besser kennt, Frau Mutter Renate. Baujahr ’92, offiziell aus Polen, laut Papieren – aber wer glaubt schon Papieren? 😉 Komm, ich bin Steinbock, Hundemutter, Liebhaberin von klassischer Musik (vor allem, wenn ich dabei einschlafe), Harry Potter, Karl Marx und Hörbüchern. Ich koche gerne, vor allem orientalisch, aber leide dabei sehr unter dem polnischen Oma-Syndrom (heißt: ich koche für zwei Personen, als hätte ich für 16 gekocht – und erwarte dann, dass alles leer ist, egal, ob du Diät machst oder nicht 😅😇 ). Ich veräpple mich gerne – nur musste ich feststellen, dass das in Polen leider kein so großartiges Hobby ist. Ich liebe Essen, esse viel, bleibe aber irgendwie noch in der Kindergröße – wobei ich natürlich stolz Oversize-Kleidung trage, weil man nie genug Stoff haben kann. 😉
⟬ 𝕴𝖓 𝖜𝖊𝖑𝖈𝖍𝖊𝖗 𝕾𝖕𝖗𝖆𝖈𝖍𝖊 𝖇𝖎𝖓 𝖎𝖈𝖍 𝖊𝖎𝖌𝖊𝖓𝖙𝖑𝖎𝖈𝖍 𝖎𝖈𝖍? ⟭
Ich spreche Deutsch, Englisch, Polnisch, ein wenig Hebräisch und ein bisschen Russisch. Aufgewachsen bin ich mit Polnisch. Englisch hatte ich in der Schule gelernt – seien wir ehrlich, ich hasse Englisch bis heute. Deutsch? Habe ich in Spanien gelernt, und mir selbst weitergebracht durch Donald Duck Comics und Rammstein . Hebräisch? Ja, auch in Deutschland gelernt – weil was macht man sonst in Deutschland, außer komische Sprachen zu lernen. Russisch? Erst durch meine Mutter, später dann durch die Deutschen. Warum durch die Deutschen? Nun ja… aus irgendeinem Grund haben viele ältere Menschen in Deutschland offenbar Probleme, einen slawischen Akzent korrekt einzuordnen. Ob Polen, Ukraine oder Russland – für sie ist das alles dasselbe. Für uns klingt das wie ein Affront. Aber was macht man schon, wenn man ständig auf Russisch angesprochen wird? Man akzeptiert es und antwortet halt in der Sprache, die man schon kennt. So hat mein Russisch irgendwann sogar eine gewisse Stabilität bekommen – danke, Deutschland. 😉
Ich kam nach Deutschland mit ADHD, einer subtilen Dauerdepression – eher nostalgisch als echte depressive Attacken – und Autismus. Nur ein halbes Jahr später erreichte ich Level 1: Ich wurde für „sechs Monate“ (dank einer sehr lieben weißrussischen Dame, die mich abgeholt hat) quasi an einen Club verkauft von einem polnischen Mann. Dort wurde ich animiert, sagen wir so, die Freigabe meines Körpers für Männer als Pflicht zu akzeptieren – nennen wir es zynisch: Prostitutions-Training deluxe.
Nachdem ich abgehauen war, zurück nach Berlin, baute ich mir neue Freunde auf, ein neues Leben, reiste viel durch Deutschland. Alles fühlte sich vorübergehend nach „Zuhause“ an. Bis zu dem Punkt, wo ein sehr gut mir bekannter Mann mich vergewaltigte. Voll blauäugig vertraute ich darauf, dass das deutsche Rechtssystem funktioniert. Ein Jahr später stand ich vor Gericht. Level 2 erreicht: Nationalitätsdissoziation. Der stolze Richter sprach den Satz, den man nie vergisst: „Sie sind selbst schuld, dass Sie auf die Party gegangen sind und Leggings getragen haben.“ Die Staatsanwältin wollte den Richter verklagen und das Verfahren wiederholen – meine Anwältin blockte ab: „Du musst lernen zu verlieren.“ Ich hoffe, Allah kümmert sich gut um diese Frau.😮💨 Im Schock nach dem Gerichtsverfahren blockierte mein Gehirn alles, was Polnisch in mir war – vielleicht weil der Vergewaltiger Pole war, vielleicht weil ich von polnischen Männern zu viel Gewalt erlebt hatte. Vielleicht, einfach vielleicht, weil das Trauma zu heftig war und mein Gehirn mich schützen wollte. Innerhalb eines Jahres änderte ich unterbewusst meinen Akzent. Bis 2019 weigerte ich mich, Polnisch zu sprechen; ab 2016 wurde es schon richtig schlimm. Ich hörte auf, polnisch zu kochen, meine Toleranz für die Sprache sank auf etwa zehn Prozent. Deutsch hingegen blühte. Mein Russisch auch – dank der Deutschen, die mich ja permanent russisch angesprochen hatten. Dazu kamen meine neuen Einflüsse: Rammstein und Retro Musik auf Dauerschleife und eine kurzfristige Phase in der rechtsradikalen Szene – und voilà, unterbewusst entstand eine extrem starke Verbindung zum Deutschsein. Am Anfang meines Germanisierungsprozesses versuchte ich, meine Grammatik zu verbessern, indem ich Bücher auf Deutsch las. Bis ich dann Hörspiele entdeckte – und da war es um mich geschehen. Zehn Hörbücher pro Monat waren das Minimum – allein schon, weil ich täglich stundenlang in der S-Bahn zur Arbeit saß. Rechnet man grob, eine Stunde pro Strecke, zweimal am Tag, 30 Tage im Monat, da stapeln sich die Stunden – und damit auch die Hörbücher.
Gleichzeitig lernte ich, schlagfertig zu sein. Was bleibt dir auch anderes übrig, wenn dich ältere Herren in der S-Bahn anquatschen, während du eigentlich nur nach Hause willst? Einmal stand ich mitten „am Arsch der Welt“ auf dem Bahnsteig, die S-Bahn fiel aus, die nächste verspätet. Zwei Männer standen vor mir: einer Anfang 50, der andere deutlich jünger. Der Ältere begann, mit mir zu flirten. Ich schaute ihn von oben bis unten an und fragte trocken: ‚Wie jung waren Sie eigentlich, als Sie angefangen haben, auf die Bahn zu warten?‘ Praktischerweise konnte ich so einschätzen, wie lange wir noch hier festsitzen würden.
Ein anderes Mal sprach mich ein Mann an, der in meinen traditionellen Holzkorb blickte, in dem ich meine Einkäufe trug – inklusive Schafjoghurt. Er meinte, er esse den auch gern. Mich interessierte das herzlich wenig. Ich antwortete trocken: ‚Der Joghurt hat etwas, was Sie nie haben werden.‘ Er starrte mich an und fragte, was denn. ‚Kultur.‘ Ich ließ ihn stehen. Die restlichen 40 Minuten in der Bahn sprach er kein Wort mehr mit mir.“ Viele deutschen (es waren hauptsächlich Frauen) machten mich in dieser Zeit darauf aufmerksam, dass mein Deutsch erstaunlich gut sei – nur mein Akzent wirke unpassend. Eines Tages, auf einem Kaffeetreffen mit Annika, sprach ich sie darauf an. Annika brachte es auf den Punkt: „Von deinem Wortschatz würde ich eigentlich eine deutsche Person erwarten, aber du bist keine Deutsche, und dein Akzent passt mir nicht zu der Art, wie du sprichst.“ Ich grinste sie an und fand das, was sie gerade sagte, putzig – sehr treffend, wie ich fand. 2021 erreichte ich Level 3. Schuld daran war mein damaliger deutscher Freund, der unter Alkohol- und Drogenkonsum handgriffig mir gegenüber wurde. Ich rief die Polizei nach Hilfe. Stattdessen bekam ich die Aussage, dass sie die Anzeige nicht annehmen würden – weil er ein Deutscher sei und ich eine Polin. Ich stand unter Schock. Die Begründung: Deutsche Männer bringen ihre Frauen nicht um, im Gegensatz zu „ausländischen Männern“, daher sehen sie keinen Grund, zu intervenieren, selbst wenn ich geschlagen wurde und aus der eigenen Wohnung fliehen musste. Ich stand da, komplett verplext, und sagte nur: „Moment mal, Sie wissen schon, der Zweite Weltkrieg ist vorbei, und es zählt nicht mehr: zwei polnische Leben versus ein deutsches Leben? Die Regeln sind doch längst klar – wir haben den Krieg verloren.“ Die Polizei meinte nur noch, ich solle ein weiteres Wort besser für mich behalten. 2023 ergab sich dann die Möglichkeit, finanziell nach Polen zurückzukehren – und ich ergriff sie. Zwei Jahre lang suchte ich ununterbrochen Arbeit. Die polnische Realität war hart: Strom, Heizung, Lebenshaltung, alles musste selbst organisiert werden. In Gesprächen mit Nachbarn fiel mir schließlich auf, wie ich sprach. Eines Tages sagte jemand: „Weißt du, du bist nie wirklich angekommen. Wenn du über Polen sprichst, sagst du immer ‚ihr‘, wenn du über Deutschland sprichst, sagst du ‚wir‘.“ Ich schaute verblüfft – und musste zugeben: Sie hatte recht. In Englisch bin ich neutral, kritisch, aber deutlich stabiler als noch vor zwei Jahren. Hebräisch? Vergessen. Ich habe das Gefühl, diese Sprache ist endgültig aus meinem Gehirn verschwunden. Russisch? Naja, ich versuche es zu vermeiden. Mittlerweile verstehe ich zwar, was man zu mir sagt, wenn man langsam spricht, aber antworten muss ich mir wirklich wieder frisch erarbeiten – wahrscheinlich auch, weil die aktuellen Geschehnisse zwischen Ukrainern und uns in Polen alles komplizieren. Polnisch hingegen… ja, es ist meine Muttersprache. Gleichzeitig ist es die Sprache, in der ich am meisten verunsichert bin, in der ich gelernt habe, das „gute Mädchen“ zu spielen, und in der es mir noch immer schwerfällt, nicht automatisch in dieses Good-Girl-Syndrom zurückzufallen. Mittlerweile bin ich erwachsen genug, dass ich die Sprache beherrsche – aber ich ertappe mich immer noch regelmäßig dabei, dass mir die Kommunikation mit Männern auf Polnisch extrem schwerfällt. Erstens, weil viele Männer hier aus irgendeinem Grund direkt mit „No hejka“ starten. Zweitens, weil sie versuchen, dich automatisch zu duzen, in der Hoffnung, dass du ihnen schneller „erlaubst“, in deinen persönlichen Raum zu kommen. Drittens, weil mich die Grammatik und Ausdrucksweise vieler Männer inzwischen richtig nervt – selbst bei meinem besten Freund, den ich über alles liebe, kann ich mir manchmal nicht verkneifen, ihn zu korrigieren. Und so absurd es klingt: Ich glaube langsam, aber sicher, dass ich am meisten ich selbst bin, wenn ich Deutsch spreche.
ッ 𝖂𝖆𝖗𝖚𝖒 𝖎𝖈𝖍 𝖆𝖓𝖌𝖊𝖋𝖆𝖓𝖌𝖊𝖓 𝖍𝖆𝖇𝖊 𝖟𝖚 𝖇𝖑𝖔𝖌𝖌𝖊𝖓 ? ⍨
Im März letzten Jahres bekam ich ein riesiges Problem: Ich konnte meine Rechnungen nicht bezahlen. Jede Woche flatterte eine neue Stromrechnung über 2.000 PLN ins Haus – die Elektroheizung hatte das zu einem Albtraum gemacht. Von meinem Barkeeper-Job konnte ich das nicht stemmen, und alle anderen Jobangebote hätten entweder meine weitere Bildung gefährdet oder wären ebenfalls nicht genug gewesen, um die Rechnungen zu decken. So landete ich in einem Job, den ich hasste, und stand gleichzeitig unter massivem finanziellen Druck. Aus dieser Frustration heraus begann ich zu bloggen. Am Anfang ging es mir darum, sozialkritische Themen zu verstehen – vor allem die Verhaltensweisen von Männern und die sozialen und kulturellen Mechanismen dahinter. Ich wollte verstehen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln, und wie Macht, Normen und gesellschaftliche Strukturen diese Verhaltensweisen prägen. Doch irgendwann bemerkte ich, dass Menschen über mich auf diesen lächerlichen Männerforen schrieben. Anfangs dachte ich noch, es sei harmlos, doch es wurde schnell schlimmer: In der fünften Runde hieß es, ich sei psychisch krank, geistesgestört, dass ich stinke, dass mein Körper eklig sei, dass meine Tattoos unbedacht seien, dass ich frech und eine Katastrophe sei. Ich brach darunter zusammen. Ein Monat voller schwerer Depressionen, Essstörungen und Selbstzweifel folgte – ausgelöst allein von dem, was diese Männer über mich schrieben. Es kam noch schlimmer. Auf demselben Forum entdeckte ich Beiträge über Teenager-Mädchen, die dort sexualisiert beschrieben wurden. Die Details, die sie über die Mädchen berichteten – wie sie mit Alkohol manipuliert wurden – kann man sich kaum vorstellen. Unter diesem einen Post kommentierten innerhalb einer Stunde über 200 Männer, dass sie unbedingt Kontakt zu diesem Mädchen haben wollten. Dieser Moment, diese absolute Überschreitung jeglicher Grenzen, brachte für mich das Fass zum Überlaufen. Kurz danach stieß ich auf andere Foren, auf denen mein Blog selbst erwähnt wurde – „Ach, die Psycho-Tante schreibt über Kultur und will uns belehren.“ Gleichzeitig begannen Instagram-Übergriffe: Meine Profile wurden entdeckt, Bilder kommentiert, weitergeleitet. Ich musste Profile immer wieder löschen, experimentierte mit Sprachen – Deutsch, Englisch – um die polnischen Männer zu umgehen. Doch je mehr ich schrieb, desto klarer wurde mir, dass mein Blog gelesen wurde. All das machte mir eines deutlich: Schreiben ist nicht nur Ausdruck, sondern auch Verantwortung. Die Worte von Menschen können verletzen, zerstören, manipulieren. Ich machte es mir zur Mission, das sichtbar zu machen, aufzuklären – und gleichzeitig für mich zu verarbeiten, was ich erlebt hatte.
Im letzten halben Jahr jedoch, seit Mai, konnte ich nicht mehr neutral bleiben. Alles wurde persönlich. Ich habe die Entscheidung getroffen, die Richtung meines Blogs zu ändern. Ich möchte in der Sprache schreiben, in der ich am meisten ich selbst bin – auf Deutsch. Ich werde nicht mehr kleinbeißen, nicht mehr politisch korrekt versuchen, mich anzupassen. Ich möchte offen über meine Erfahrungen, über Männergewalt, über CPTSD, Angstzustände und Traumata schreiben – und dabei auch Themen wie Gefährdung von Kindern ansprechen, weil ich selbst mit 15 Jahren gelernt habe, wie Männer Macht ausüben und Grenzen verletzen können. Ich lade euch ein, mit mir diesen Prozess zu begleiten: 33 Jahre, ein Leben neu entdecken, trotz Trauma, Angst und den gesellschaftlichen Mechanismen, die uns prägen. Gemeinsam herauszufinden, ob ein neues, glückliches Leben trotz allem möglich ist.
𖧀 𝖂𝖔𝖍𝖎𝖓 𝖉𝖊𝖗 𝕭𝖑𝖔𝖌 𝖏𝖊𝖙𝖟𝖙 𝖌𝖊𝖍𝖙 𓀬☻
Der Blog wird mit mir höchstwahrscheinlich bald nach Deutschland zurückgehen 🙂
Wenn nicht, dann bewegt er sich weiterhin zwischen Schreibtisch und Bett – denn ich schreibe gern im Bett. Dort bin ich entspannter, ehrlicher, weniger geschniegelt. Die Themen verändern sich ebenfalls. Es wird stellenweise religiöser, weil ich zum Islam konvertiert bin. Es wird zugleich ernster, weil ich mich nicht länger dafür schämen will, dass ich bereits als Teenager missbraucht wurde. Diese Scham gehört nicht mir. Sie wurde mir beigebracht. Der Blog wird – wie bereits deutlich geworden ist – hauptsächlich auf Deutsch geführt. Nicht aus Provokation, sondern weil es die Sprache ist, in der ich heute am klarsten denken, fühlen und benennen kann. Für das kommende Jahr plane ich zudem neue Formate. Welche genau, wird sich zeigen. Auch die Social-Media-Kanäle rund um den Blog werden weiter ausgebaut. Nicht, weil ich Social Media liebe – im Gegenteil, ich hasse es. Aber manchmal tut man Dinge nicht aus Begeisterung, sondern aus Verantwortung. Oder, ganz banal, für die Menschen, die einem wichtig sind 🙂
Es wird vermutlich auch wieder Reisen geben. Für nächstes Jahr steht die Türkei ganz oben auf der Liste – drückt mir die Daumen. Und wer weiß, was sonst noch kommt. Was sich jedoch seit Februar dieses Jahres, seit der Entstehung des Blogs, klar herauskristallisiert hat, ist die Mission: Ich bin eine Frau, die überlebt hat. Männliche Gewalt. Strukturelle Gewalt. Das Versagen von Erwachsenen, die hätten schützen müssen. Wenn ich sage, ich habe Polen überlebt, ich habe Deutschland überlebt, dann meine ich nicht Nationalitäten. Ich meine die Menge an Gewalterfahrungen, die sich über Jahre angesammelt hat. Und ja – ich kann heute sagen, dass ich gelernt habe, Gewalt früh zu erkennen, einzuordnen und zu überleben. Wie viele Frauen vor mir entscheide auch ich mich jetzt, nicht mehr zu schweigen.
Und noch etwas: Wir sprechen oft über Gewalt abstrakt. Wir sprechen über Täter, über Systeme. Aber wir sprechen zu selten über Kinder und Jugendliche. Dabei gehören sie zur Gesellschaft. Der Schutz des Kindeswohls darf keine private Aufgabe von Eltern sein. Er ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Punkt.
P.S.
Merry Chrimas to those who are celebrating :-)
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