Frau Mutter Renate

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Mein Kopf ist ein deutsches Arbeitsamt.

Meine äußere Erscheinung ein französisches Manifest von Simplizität, Bequemlichkeit und Eleganz.

Und meine innere Kritikerin ist ein alter Jude, der eine zweite Synagoge gründet, weil er zur ersten nicht gehen will.

Wie soll man sich fokussieren, wenn Palästina in der Küche steht?

Ganz einfach:

Man schreibt.

Man redet.

Man lacht über den inneren Rabbi, streitet mit dem deutschen Beamten, und lässt den Tee nicht überkochen.

Es gibt zwei Missverständnisse in meinem Leben: Erstens, dass ich ein Morgenmensch sei. Zweitens, dass ich extrovertiert sei. Also lassen wir das mal klarstellen. Ja, ich stehe freiwillig zwischen 5:30 und 6:30 Uhr auf – ganz ohne Wecker. Nein, das bedeutet nicht, dass ich es liebe, so früh wach zu sein. Erstens, weil ich es genieße, dass die Welt noch schläft, inklusive meiner Nachbarn. Und zweitens, weil ich um 7 Uhr sowieso mit dem Hund Gassi gehen muss.

Das Problem ist: Ich bin in dieser Zeit äußerst menschentolerant… eher gesagt, nicht vorhanden. Ich verstehe einfach nicht, warum Menschen überhaupt atmen müssen, bevor die Uhr 10 schlägt. Ein Paradebeispiel: Gestern hatte ich meine zweite Fahrstunde. Ja, ich habe mich endlich entschieden, in meinen 30ern die Fahrerfahrung zu erlangen – weil ich eine selbstständige, unabhängige, starke Frau sein möchte. Und na gut, vielleicht auch eine, die nicht auf jeder Straßenecke wie ein gestresster Pinguin wirkt, wenn sie versucht, ein Auto zu bewegen.

Meine liebe Fahrlehrerin – nennen wir sie Barbie, nicht nur, weil sie so aussieht – entschied sich, mich um 8 Uhr in einem anderen Stadtteil zu empfangen. Perfekt für mein ADHS, das sich beim ständigen Meckern leider kaum fokussieren kann. Barbie, so scheint es, ist ein Typ Mensch, der niemals Komplimente verteilt. Nie. Egal, wie sehr man sich anstrengt – es gibt nur negatives Feedback. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie eine echte Kaschubin ist und grundsätzlich alles ablehnt, was nicht kaschubisch ist. Ob sie weiß, dass ich zur Hälfte auch dazugehöre? Vielleicht nicht. Oder vielleicht hat sie einfach keinen Bock auf ihren Job und genießt es, sich überlegen zu fühlen. Vielleicht bin ich auch einfach zu deutsch, weil ich immer noch erwarte, dass Professionalität und grundlegende Höflichkeit ein Standard sein sollten.

Ein anderes Beispiel, oder besser gesagt eine weitere Beispielparade, war meine Freundin Natalia vor circa vier Tagen. Sie rief mich am frühen Morgen an, um mir zu erklären, wie viel Streit sie mit meinem Bruder, also ihrem Ehemann, hatte – und vor allem mit der bösen Schwiegermutter, die sie kritisiert hatte, weil es ums Babyessen ging. Genauer gesagt darum, dass Natalia ihrem Kind Müsli zum Frühstück gibt. Sie hielt mir dabei per Video die Verpackung des Müslis in die Kamera.

Ich schaute auf den Bildschirm. Es war neun Uhr. Und mein Gehirn dachte nur: Alter. Dieses Müsli würde ich niemandem geben, den ich nicht freiwillig und aus tiefstem Herzen hasse. Die einzige Person, der ich das zu essen gegeben hätte, wäre mein narzisstischer Ex-Freund gewesen.

Gesagt habe ich das natürlich nicht. Stattdessen sagte ich: „Aha.“

Die nächsten fünf Minuten verbrachte ich mit „mhm“, „aha“ und anderen sozial akzeptierten Silben. Bis sie schließlich fragte, ob ich nicht finde, dass sie als Mutter das Recht habe zu entscheiden, was ihr Kind isst.

Meine Sozialkompetenz war zu diesem Zeitpunkt noch nicht aktiviert. Also sagte ich sachlich: Ich bin Ernährungsberaterin. Ich kann dir da nicht zustimmen.

Sie wurde wütend.

Und das war das nächste Beispiel dafür, dass ich genau wusste, was sie von mir erwartet hatte – aber es war schlicht zu früh, um es liefern zu können.

Und nun zum Wichtigsten. Ich hatte vor Kurzem Geburtstag. Und das war der schönste Geburtstag meines Lebens. Nicht der schönste Tag meines Lebens, aber definitiv der schönste Geburtstag.

Normalerweise habe ich meine Geburtstage in Israel verbracht. Später, dank Corona, zu Hause mit Nachbarn, die am selben Tag Geburtstag hatten. In den letzten zwei Jahren verbrachte ich meine Geburtstage eher still: ohne Feiern, ohne Anni, meist ruhig mit einem Bekannten oder einer Bekannten im Theater oder in irgendeiner Bar. Meine Teenager-Geburtstage bestanden größtenteils daraus, sich mit Gleichgesinnten zu betrinken und am nächsten Tag zu vergessen, dass man überhaupt existiert hat.

Dieser Geburtstag war anders. Mein bester Freund, der Hase, machte mir einen Vorschlag. Bevor ich eine der Wohnungen kaufe, die ich ihm geschickt hatte, sollten wir uns doch erst einmal die Städte anschauen. Es sei immerhin mein Geburtstag, und er würde sich dafür freinehmen.

Ich dachte: Hammer. Das müssen wir machen.

Also stand er am ersten Tag um acht Uhr vor der Tür. Da ich ohnehin früh aufgewacht war, dachte ich mir: Okay, das ertrage ich einen Tag.

Der zweite Tag war schlimmer. Er kam um 7:30 Uhr. Und ich fragte mich ernsthaft, ob er lebensmüde ist.

Ich selbst war ohne Frühstück, gerade von der Gassirunde zurück, nicht geduscht, nicht geschminkt. Na gut. Ich merkte allerdings schnell, dass er, also der Hase, auch nicht besonders gut gelaunt war. Also machte ich ihm Frühstück, machte Frühstück für meinen Hund und danach irgendetwas für mich. Dabei vergaß ich meine Vitamine – was passiert, wenn mich vor 10 Uhr bereits jemand anspricht. Ich hasse Menschen vor 10 Uhr. Schreiben ist erlaubt, Anrufe nur im Notfall.

Aber gut. Here we go.

Am ersten Tag besuchten wir zwei Städte, und ich kaufte mir etwas Mitiges, einen kleinen Behälter. Außerdem belebten wir eine alte Tradition von mir wieder. Vor meinem narzisstischen Ex hatte ich mir aus jeder Stadt, in der ich war, einen Magneten gekauft. War der Magnet hässlich, wusste ich: Hier will ich nie wieder hin. War er hübsch, wusste ich: Das hat mir gefallen.

Warum dieses System? Weil Menschen dazu neigen zu vergessen. Irgendwann werde ich alt, und mein Gehirn wird eher wie Käse sein als jetzt schon. Das wollte ich mir merken. Dann traf ich meinen Narzissten. Er behielt meine Sachen. Alle. Auch die Magneten.

Bis heute ruft er regelmäßig an, spricht mir auf die Mailbox, weil ich ihn nicht vollständig blockieren konnte, und erwartet, dass ich meine Sachen abhole – aber zu seinen Bedingungen. Ich denke mir nur: Oh boy. Du hast wirklich nicht zugehört. Nicht damals, als ich wegen dir im Krankenhaus gelandet bin, und auch nicht später. Du kannst dir aus den Sachen gern ein Häuschen bauen oder im Sandkasten damit spielen. Ich will sie nicht.

Die erste Stadt war klein, grau, und ganz ehrlich: Ich sah die Abgase, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, dort eine Wohnung zu kaufen. Da will man definitiv nicht wohnen. Ich habe Jahre in Großstädten verbracht, und dort war die Luft besser als in dieser Mikrostadt.

Die zweite Stadt war Malburg. Freundlich, eine Plattenbauparade, aber deutlich weniger hundefreundlich als erwartet. Die Burg war geschlossen – für uns, weil wir einen Hund dabei hatten. Die Erwartung war, dass ich meinen Hund für zwei Stunden in eine Hundebox sperre. Was für eine kranke Idee. Da in Malburg außerdem alles um 16 Uhr schließt, schafften wir es nicht, einen Magneten zu kaufen. Also beschlossen wir, im Frühling wiederzukommen.

Am nächsten Tag besuchten wir zwei Skansen. Wir lernten über Kaschubien. Die meisten kennen Kaschuben nur aus alten Schulbüchern, die die ältere Generation lesen musste. Ich kannte die Geschichte von der Seite meines Vaters, aber nicht in dieser Tiefe.

Ich war überglücklich, die alten Häuser zu sehen, die Kirche, und die Geschichte zu hören – eine Geschichte, in der Kaschuben, Juden und manche Deutsche lange Zeit friedlich zusammenlebten, bis der Zweite Weltkrieg kam. Die Menschen wurden nicht nur von Deutschen misshandelt, sondern auch von Polen. Für Polen waren Kaschuben zu deutsch, für Deutsche zu polnisch. Man nannte sie Hunde mit schwarzem Gaumen, unterstellte ihnen Verschwörungen.

In Wahrheit beteiligte sich Polen aktiv an der Zerstörung dieser Identität – aus Angst vor dem Unbekannten.

Im zweiten Skansen lernten wir die Geschichte während und nach dem Krieg. Familien flohen in alle Richtungen, bis in die Türkei. Andere wurden nach Sibirien deportiert. Polnische Behörden waren dabei aktiv beteiligt. Eigene Sprachen durften nicht gesprochen oder gelernt werden. Unsere Sprache überlebte nur in Kinderliedern und im Volksmund. Erst seit 2015 darf sie offiziell in Schulen unterrichtet werden.

Ich sah Fotos. Ein Mädchen mit wunderschönem Gesicht, schwarzen Haaren, ausgehungert, aber immer noch schön. Briefe. Hoffnung. Dass eines Tages alles gut würde. Die meisten kamen nie zurück.

Und dann dachte ich an die heutigen Online-Debatten, an „Free Palestine“, an die Behauptung der totalen Unterdrückung. Während Araber ihre Sprache im Amt nutzen dürfen, Religion und Kultur offen leben können. Wir durften das jahrzehntelang nicht.

Das ist mein innerer Konflikt. Wie kann man von Unterdrückung sprechen, ohne Geschichte zu kennen?

Wir sahen die Züge, die Waggons, in denen Menschen wie Vieh transportiert wurden. Tage lang. Danach gingen wir in den Bunker. Der Reiseführer gab uns einen kurzen Eindruck davon, wie es sich angefühlt haben muss. Mein Hund zitterte unkontrolliert. Ich setzte mich zu Karol, hielt sie fest. Schüsse, Alarm, Schreie.

Ich konnte nicht mehr weinen. Es war ungesund ruhig.

Danach kam der leichtere Teil: das auf dem Dach stehende Haus. Mein Gehirn verstand nicht, wie man dort laufen kann. Mein bester Freund und mein Hund liefen völlig entspannt durch. Ich klammerte mich an den Hasen. Als wir draußen waren, war mir so übel, dass ich meine Hände tief in den Schnee steckte. Zwei Minuten später war alles wieder gut. Nachdem wir beides gesehen und besichtigt hatten und uns von jeder Stadt jeweils einen Magneten gekauft hatten, sind wir in eine Stadt gefahren, die nicht weit davon entfernt war. Während wir dorthin unterwegs waren, schrieb ich meiner Tante liebe Grüße aus dieser Stadt, da sie nicht weit von uns wohnte. Sie schrieb sofort zurück: Was machst du dort?

Ich antwortete: Na ja, ich habe mich entschieden, dort Geburtstagskuchen zu kaufen. Ich meine, wer verbietet dem armen Reich zu leben?

Sie schrieb direkt: Ja, und dann komm hier zu mir.

Ich schrieb ihr, dass ich mit meinem besten Freund unterwegs bin und dachte mir, falls sie möchte, könne sie auch zu uns kommen. Und sie meinte nur: Ach, kein Problem, dann kommt ihr beide einfach hierher.

Ich freute mich wie ein Kind in der Schokoladenfabrik darauf, sie wiederzusehen, da ich sie zuletzt im Sommer letztes Jahr gesehen hatte. Ich schaute Hase an – nicht Carol, sondern Hase – und Hase nickte. Also sagte ich: Wir brauchen mehr Kuchen.

Der Hase schaute mich an und meinte: Wir haben genug Kuchen.

Nein, wir brauchen mehr Kuchen.

Vor allem, weil sie geschrieben hatte: Wir warten. Und dadurch war klar, dass wahrscheinlich auch mein Onkel, mein Cousin und seine Frau um diese Uhrzeit da sein würden. Also rannte ich noch einmal zur Bäckerei und kaufte zusätzlich noch etwas Kuchen. Zwanzig Minuten später waren wir bei meiner Tante, und aus einem freundschaftlichen Mittagessen wurde ein sehr familiäres Abendessen. Und ich spürte zum ersten Mal etwas, das ich so noch nie gespürt hatte: dass ich wirklich glücklich bin. Ich hatte meine Familie bei mir und einen Menschen, den ich wirklich mag und der an diesem Tag an meiner Seite war.

Und auch meine Hundeprinzessin, die aus mir völlig unerklärlichen Gründen zu allen Feiertagen – inklusive meinem Geburtstag – Geschenke bekommt, war überglücklich wie ein Topf. Erstens, weil sie immer extra gefüttert wird, mit Schinken und anderen Würstchen. Zweitens, weil sie die Katzen verjagen kann. Und drittens, weil mein Cousin sie besonders gernhat und ihr extrem viel Aufmerksamkeit schenkt. Eigentlich die ganze Familie. Ich glaube, inzwischen haben alle akzeptiert, dass sie das einzige Kind ist, das man von mir erwarten kann. Und die Gedanken, die durch meinen Kopf schwammen, waren plötzlich angenehmer. Zwar habe ich mich während der ganzen Reise immer wieder gefragt, wie viel von dem, was wir wirklich mögen, wir selbst entschieden haben zu mögen, und wie viel davon genetisch vorgegeben ist. Aber gleichzeitig fühlte ich mich vollkommen vollständig – ohne Mann an meiner Seite im romantischen Sinne, aber mit einem treuen Freund, mit Hund und mit Familie.

Ich fühlte mich zum ersten Mal an meinem Geburtstag wirklich im Mittelpunkt, gesehen, und als hätte ich etwas, wofür ich dankbar sein kann. Und nun denke ich, dass wir viel öfter auch die positiven Seiten des Lebens sehen sollten. Wir wissen bereits, dass Männer Scheiße bauen, Millionäre entstehen, AI Stellen übernimmt und Kinder ausziehen. Wir wissen von all den Kriegen und von dem tapferen Iran. Aber dazwischen sollten wir vielleicht auch manchmal innehalten und schauen, wofür wir dankbar sein können und was uns gerade wirklich wichtig ist.

Vielleicht nicht Social Media. Nicht die Nachrichten. Sondern die Momente, die für immer in Erinnerung bleiben. Für mich war die Sache klar: Ich wollte kein Geburtstagsgeschenk. Ich wollte einen Moment. Denn Sachen verliert man – durch Männer, durch Umzüge oder einfach durch Auslisten. Nicht alle Dinge bleiben für immer.

Aber ein Moment brennt sich ein. Ein kleiner Magnet, der dir sagt, dass es da noch eine Person gibt, die einen ähnlichen Magneten besitzt. Ein Foto mit einem glücklichen Gesicht, das dich daran erinnert, dass da jemand ist und dass du nicht alles allein durchstehen musst.

Für solche Momente lohnt sich das Leben.

Lehaim! 

PS: Bevor du laut „Free Palestine“ rufst und Israel verteufelst – bilde dich erst. Lerne, wie Okkupation wirklich aussieht: Länder, die für Jahrzehnte von der Landkarte verschwinden, Völker, die deportiert oder ermordet werden, Sprachen, die ausradiert werden. Schau nach Iran, nach den Kurden, nach der Ukraine. Okkupation bedeutet nicht, dass Menschen Schilder in ihrer Sprache halten dürfen oder im Parlament vertreten sind. Sei aufmerksam, sei informiert, sei dankbar für das, was du hast. Das Leben ist schön – aber nicht für jeden von uns.


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