Frau Mutter Renate

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Mein Kopf ist ein deutsches Arbeitsamt.

Meine äußere Erscheinung ein französisches Manifest von Simplizität, Bequemlichkeit und Eleganz.

Und meine innere Kritikerin ist ein alter Jude, der eine zweite Synagoge gründet, weil er zur ersten nicht gehen will.

Wie soll man sich fokussieren, wenn Palästina in der Küche steht?

Ganz einfach:

Man schreibt.

Man redet.

Man lacht über den inneren Rabbi, streitet mit dem deutschen Beamten, und lässt den Tee nicht überkochen.

Kapitel 3

Wir leben auf Kosten der dritten Welt und wundern uns, wenn das Elend anklopft. ( Georg Gysi )

Stell dir mal vor, eines Tages klingelt dein Wecker. Ja, ich weiß, niemand mag es, wenn der Wecker klingelt. Aber das Leben ist für die meisten von uns nun mal kein Wellnesshotel mit Late Check-out. Die sadistische Maschine macht ihren Job zuverlässig. Du stehst auf, trinkst deinen Kaffee, vielleicht etwas zu stark, vielleicht auch nicht stark genug, und scrollst dich durch Arbeitsangebote. Mit dieser leisen, fast schon naiven Hoffnung, dass es da draußen irgendwo einen Job gibt, der dich einfach dafür bezahlt, dass du schlafen darfst. Ausschlafen. Der Traumjob vieler Menschen, seien wir ehrlich. Und während du so scrollst, halb wach, halb schon müde vom Tag, stolperst du plötzlich über eine Anzeige wie die auf dem Titelbild dieses Artikels. Du blinzelst. Zweimal. Vielleicht auch dreimal. Dein erster Gedanke ist nicht Empörung, sondern: Das ist ein Witz. Genau so funktioniert Gewalt heute. Sie kommt nicht mit Warnschild, nicht mit Donner und Blitz, sondern geschniegelt, formatiert, zugänglich. Wie etwas ganz Normales. Wie ein Jobangebot. Wie ein liebevoller Partner, der dich in den ersten zwei, drei Wochen einer Beziehung auf Händen trägt und dir das Gefühl gibt, du seist endlich angekommen. Wie ein potenziell guter Chef, der nach drei Monaten seine Affäre wechselt, weil er es kann. Wie ein Vater, der draußen den idealen Mann spielt und zu Hause sein Kind schlägt. Wie ein Influencer-Pärchen unter einem harmlosen Hashtag, perfekt inszeniert, harmonisch, bis die Frau plötzlich verschwindet und Monate später die Familie erfährt, dass er sie umgebracht hat. Gewalt ist heute so normal wie ein Stellenangebot. So alltäglich, so eingebettet in Routinen, dass du trotzdem jedes Mal kurz blinzelst, wenn sie in einer anderen Form auftaucht. Nicht, weil du sie nicht kennst – sondern weil du sie fast nicht mehr erkennst. Ich bin zum Beispiel eine glückliche Abonnentin eines unendlichen Gewaltreihenpakets. Das Abonnement habe ich von meiner Mutter geerbt, die es wiederum von ihrer Mutter bekommen hat. Hoffentlich schaffe ich es, es zu kündigen, bevor ich es weiter vererbe. Ich habe fast alles durchgemacht, was man sich von Gewalt nur vorstellen kann – fast. Auf meiner Liste blieben nur wenige Punkte, von denen ich keine Erfahrung habe und hoffentlich auch nie machen werde.

Während eines Gesprächs mit meinem besten Freund Karol, wir saßen da, tranken unseren Tee, fragte ich ihn plötzlich: „Verstehst du eigentlich, was ich sage?“ Karol nickte. Ich merkte sofort: Moment mal, versteht er mich überhaupt? Also fragte ich ihn: „Warum nickst du, wenn du mich gar nicht verstehst?“ Karol schaute verblüfft, runzelte die Stirn und meinte, er hätte unbewusst genickt. Dann fragte er: „Wie würde man das vielleicht auf Englisch sagen?“ Wir mussten feststellen, dass es auf Polnisch dieses Wort in sich gar nicht gibt. Ich versuchte Englisch: Violence. Schnell wurde mir klar, dass auch das nicht trifft, was ich meine, wenn ich von Gewalt spreche. Und da blieb ich stecken. Stecken, festgefroren in einem Wort, das ich nicht greifen konnte. Das Problem ist nämlich nicht nur, dass Gewalt normalisiert ist. Sondern dass es in so vielen Sprachen undefiniert bleibt. In Polen haben wir hunderte Unterkategorien: Verbrechen, Belästigung, Vergewaltigung, physische Gewalt, psychische Gewalt. Das Problem? Alles heißt anders, alles wird unterschiedlich definiert. Und genau das macht es unmöglich, den Täter direkt zu fassen – weil es zu viele Definitionen gibt, zu viele Schubladen, in denen sich die Gewalt versteckt. In meiner verzweifelten Versuchung, dieses Wort endlich greifen zu können, stolperte ich online über die Gewaltpyramide. Wer hier länger mitliest, weiß: Ich habe ein eher hobbymäßiges, aber sehr leidenschaftliches Verhältnis zum Streiten mit dem Internet. Nicht, dass mir diese Google-Webseite antworten würde oder gar zurückschlagen könnte. Nein. Ich beschimpfe sie pauschal, wenn ich nicht einverstanden bin mit dem, was dort steht. Und ja – mit etwas oder jemandem zu schimpfen ist eine Form von Gewalt. In diesem Fall vermutlich eine, die niemandem wirklich schadet. Aber seien wir ehrlich: Jede*r kennt das. Man liest etwas und fängt innerlich sofort an zu diskutieren. Das passiert genauso, wenn deine beste Freundin anfängt, Sprachnachrichten zu schicken, die eher Podcasts gleichen. Während sie redet, antwortest du innerlich schon. Du kommentierst, widersprichst, ergänzt – bis du merkst: Moment mal, hör erst zu Ende. Also was tun „normale“ Frauen? Wir schminken uns, putzen die Wohnung oder holen uns einen Coffee to go. Hauptsache beschäftigt genug, um nicht sofort in den inneren Streit einzusteigen.

Aber zurück zum Punkt.

Ich entschied mich, diese Pyramide neu aufzubauen. Nicht aus der Perspektive von Psycholog*innen oder Google-Erklärseiten, die zwar korrekt wirken, aber sich oft komplett an der Realität vorbeireden. Ich entschied mich für eine andere Perspektive: die einer Gewaltveteranin. Einer, die nicht aus Lehrbüchern spricht, sondern aus Erfahrung. Ich baute diese Pyramide nicht nur für Karol. Ich baute sie auch für mich. Und vielleicht – ganz nebenbei – für alle, die sich in diesen Beschreibungen wiedererkennen.


Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen. ( Isaac Asimov )


Wie ich in meiner Präsentation über Gewalt aus der Perspektive von Opfern bereits geschrieben habe, hat diese Pyramide keine Spitze. Und das ist Absicht. Nicht, weil ich keine Antwort habe – sondern weil ich sie habe und sie unbequem ist.

Gewalt hat eine klare Herkunft.

Und diese Herkunft heißt: fehlende Bildung, fehlende Integration und ein System, das Menschen nach Nutzen sortiert.

Man kann das strukturelle Gewalt nennen. Das klingt klug. Das klingt analysiert. Aber es ist zu freundlich für das, was es wirklich ist. Denn was hier passiert, ist kein abstrakter Prozess, sondern eine aktive Entscheidung, bestimmte Menschen dumm zu halten, klein zu halten, beschäftigt zu halten.

Die Spitze meiner Pyramide ist keine Tat.

Sie ist ein Prinzip.

Die Einteilung in soziale Schichten.

Die permanente Kosten-Nutzen-Abrechnung von Menschenleben.

Die Frage, die ständig im Hintergrund läuft: Lohnt sich dieser Mensch überhaupt?

Kapitalismus ohne Gewalt hat keine Überlebenschance. Und damit meine ich nicht nur sichtbare Gewalt. Ich meine Wartelisten. Formulare. Abgelehnte Anträge. Falsche Diagnosen. Überlastete Systeme, die genau so überlastet bleiben sollen.

Ich habe, wie bereits erwähnt, ein Gewalt-Abo geerbt. Langlaufzeit, automatische Verlängerung. Und wenn wir über Gewalt sprechen, tun wir fast immer dasselbe: Wir kategorisieren sie. Wir sortieren sie. Wir erklären sie. Wir diskutieren Motive, Traumata der Täter, biografische Hintergründe. Alles sehr erwachsen. Alles sehr rational. Was wir fast nie tun, ist die simpelste Frage zu stellen:

Wer profitiert davon, dass ich zerstört wurde?

Wer profitiert davon, dass ein narzisstischer Täter weiter Menschen missbrauchen kann, ohne Konsequenzen zu tragen?

Fangen wir banal an: Der Therapeut. In den meisten Ländern kostet Therapie Geld. Öffentliche Therapieplätze? Theoretisch vorhanden. Praktisch nicht dann, wenn man sie braucht. Danach kommen Kliniken. Medikamente. Diagnosen. Abrechnungen. Und am Ende: das Finanzamt. Der Staat.

Und hier wird es unangenehm, weil niemand das laut sagen will:

Ein Staat profitiert davon, wenn möglichst viele Menschen krank, traumatisiert und beschäftigt sind. Nicht, weil er böse ist. Sondern weil traumatisierte Menschen leichter zu kontrollieren sind. Sie sind zu müde, um Fragen zu stellen. Zu beschäftigt damit, sich selbst zu reparieren, sich neu zu erfinden, zu funktionieren. Sie kämpfen um Stabilität – nicht um Veränderung.

Ein Mensch, der ums Überleben kämpft, stellt keine Systemfragen.

Mein Narzisst profitierte ebenfalls. Sehr konkret. Neue Möbel. Neue Geräte. Emotionale Entlastung. Regulation. Verantwortung, die er abladen konnte. Sein größter Gewinn war nicht materiell – es war Freiheit von Selbstkontrolle. Ich war sein Auffangbecken. Ich zahlte keine Miete, kein Essen – offiziell. Inoffiziell zahlte ich mit Anpassung, Angst, Selbstverleugnung. Ein fairer Tausch, wenn man gelernt hat, sich selbst nicht als vollwertigen Menschen zu betrachten. Nach dieser Beziehung landete ich nicht in Klarheit, sondern in einem absurden Systemkreislauf. Falsche Diagnosen. Ärzte, die keine Zeit hatten. Medikamente. Körperliche Zusammenbrüche. Geld, das ich ins Gesundheitssystem pumpte, während mir eingeredet wurde, das Problem liege in mir.

Und irgendwann stellte ich mir nicht mehr die Frage, warum mir das passiert, sondern:

Warum fühlt es sich an, als würde Gewalt gerade explodieren?

Die Antwort ist banal und brutal:

Kapitalismus braucht Patriarchat.

Patriarchat braucht Unterdrückung.

Patriarchat ist das Versprechen an Männer, dass es immer jemanden geben wird, der dient. Emotional. Sexuell. Ökonomisch. Und ja, man erzählt uns inzwischen, das schade auch den Männern. Mag sein. Aber niemand gibt Macht freiwillig ab. Kein Ausbeuter schafft sich selbst ab.

Kein Mensch verzichtet auf seine Vorteile, solange sie funktionieren.

Gewalt ist kein Unfall.

Sie ist rentabel.

Und solange sie sich rechnet, wird niemand ernsthaft etwas dagegen tun.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“

— Isaac Asimov

Wenn dieses Zitat stimmt – und ich glaube, das tut es –, dann müssen wir aufhören, Gewalt nur als Tat zu betrachten. Wir müssen sie als Symptom lesen. Als Ergebnis eines Systems, das systematisch unfähig hält. Unfähig zu Sprache. Unfähig zu Reflexion. Unfähig zu Verantwortung.

Denn fehlende Bildung bedeutet nicht nur, keinen Abschluss zu haben. Sie bedeutet vor allem, keine Worte zu haben. Keine Worte für Grenzen. Keine Worte für Konsens. Keine Worte für Überforderung, Frustration, Angst. Und wer keine Worte hat, greift irgendwann zu dem, was immer funktioniert hat: Macht. Druck. Gewalt.

Studien aus Großbritannien zeigen seit Jahren, wie tief diese Missverständnisse sitzen. Ein erheblicher Teil junger Männer erkennt grundlegende Formen fehlenden Konsenses nicht als Vergewaltigung. Nicht, weil sie „Monster“ wären, sondern weil unsere Sprache ihnen permanent beibringt, Gewalt zu relativieren. Wenn es kein klares Nein gab. Wenn geflirtet wurde. Wenn es keine sichtbare Gegenwehr gab. Sobald man das Kind beim Namen nennt, sobald man sagt: Das ist Vergewaltigung, kippt die Zustimmung. Das Problem ist nicht das Wissen um das Verbot – das Problem ist die Normalisierung davor.

Und genau hier liegt die eigentliche Gewalt.

Wir leben in einer Kultur, die Täter glorifiziert. Nicht offen, nicht plump – sondern ästhetisch. In Filmen. In Serien. In Büchern. In Werbung. In Social Media. Gewaltige Männer sind interessant. Kaputte Männer sind tiefgründig. Grenzüberschreitungen sind Leidenschaft. Kontrolle ist Liebe. Wir wissen alle, dass das ungesund ist. Und trotzdem akzeptieren wir es als normal. Nicht, weil wir dumm sind – sondern weil Normalisierung bequemer ist als Widerstand.

Denn Widerstand kostet Energie. Und Energie haben die wenigsten.

Wir arbeiten überdurchschnittlich viel, nur um Grundbedürfnisse zu sichern: Wohnen, Essen, Überleben. Wir verlieren Freunde, weil wir müde sind. Wir verlieren Gemeinschaft, weil wir überfordert sind. Und währenddessen wird künstlich ein Genderkrieg angeheizt – vor allem in sozialen Medien. Nicht, weil jemand Gleichberechtigung will, sondern weil Empörung klickt. Weil Spaltung Reichweite bringt. Weil jede Interaktion – egal ob Hass oder Zustimmung – Profit erzeugt. Jemand verdient immer. Auch an deinem Schmerz.

Genau deshalb reden wir ständig über Gewalt – aber fast nie über Lösungen. Wir reden über Täterprofile, über Opferverhalten, über individuelle Tragödien. Was wir nicht tun: Männer verpflichtend lehren, wie man kommuniziert. Wie man Gefühle reguliert. Wie man Ablehnung aushält. Wie man Verantwortung übernimmt.

Stattdessen produzieren wir weiter Unfähigkeit. Und nennen das Freiheit.

Dieses Jahr möchte ich meine Leserinnen und Leser zu etwas Unbequemem einladen. Zu einer simplen, aber gefährlichen Frage. Nicht mehr: Warum ich?

Sondern: Wer profitiert gerade von meiner Situation?

Wer profitiert davon, dass du beschäftigt bist mit Reparieren statt mit Hinterfragen?

Wer profitiert davon, dass Gewalt sprachlich entschärft wird?

Wer profitiert davon, dass Bildung ungleich verteilt bleibt?

Gewalt ist kein Naturereignis. Sie ist politisch. Ökonomisch. Gewollt.

Und sie wird erst verschwinden, wenn wir aufhören, sie nur zu überleben – und anfangen, ihre Nutznießer zu benennen.

Wenn Bildung wirklich das Gegengift ist, dann dürfen wir sie nicht länger als Privileg behandeln. Deshalb verlinke ich hier bewusst die Petition auf zum neuen Gleichheitsjahr. Nicht als moralische Geste. Sondern als minimalen Akt von Widerstand.

Neues Jahr. Neue Fragen.

Und vielleicht – endlich – weniger falsche Antworten.

https://weact.campact.de/petitions/frau-sagt-nicht-nein-gericht-spricht-mann-von-vergewaltigung-frei

https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/gleichstellung/frauen-vor-gewalt-schuetzen/haeusliche-gewalt/formen-der-gewalt-erkennen-80642

https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/kapitalismus-und-krieg-wirtschaft-und-gewalt/

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