Kapitel 2 -> Mein Freund Stress und ich
Ich bin mein Leben lang darauf konditioniert worden, Schläge auszuhalten. Erniedrigung zu ertragen. Männliche Gewalt als Normalzustand zu akzeptieren. Stress war kein Ausnahmezustand – er war mein Zuhause. Heute bin ich über dreißig. Und zum ersten Mal in meinem Leben ist es ruhig. Keine Drohung. Kein Druck. Keine permanente Alarmbereitschaft. Und genau das ist das Problem. Mein Körper reagiert auf diese Ruhe nicht erleichtert, nicht dankbar, sondern argwöhnisch. Misstrauisch. Denn ein Nervensystem, das auf Gefahr trainiert wurde, hält Sicherheit zunächst für einen Fehler.

Frau Mutter Małgorzata– der Anfang der Geschichte
Meine Mutter war ein unerwünschtes Kind.
Sie wurde in der Zeit der PRL in Polen geboren – im Gefängnis. Kurz nach der Geburt kam sie ins Kinderheim. Niemand wartete auf sie. Niemand fragte nach ihr. In den ersten vier Lebensjahren sprach sie nicht. Nicht, weil sie es nicht konnte – sondern weil sie sich blockierte. Rückzug als Überlebensstrategie, lange bevor sie Worte dafür gehabt hätte. Mit etwa vier Jahren wurde sie „halb adoptiert“. Wie genau das rechtlich möglich war, weiß bis heute niemand so richtig. Sie erhielt einen neuen Namen, aber kein neues Zuhause im eigentlichen Sinn. Gefühle wurden kaum vermittelt. Nähe war funktional, nicht emotional. In der Pubertät begann sie, Probleme zu machen. Heute würde man sagen: ein traumatisiertes Kind reagiert. Damals galt sie einfach als schwierig. Mit ungefähr fünfzehn Jahren erfuhr sie, dass sie adoptiert war. Kurz darauf entschieden die Adoptiveltern, dass sie „zu anstrengend“ geworden sei. Die Adoption wurde faktisch rückgängig gemacht. Meine Mutter kam zurück ins Kinderheim – oder sollte es zumindest. Sie lief weg. Zwischen ihrem fünfzehnten und siebzehnten Lebensjahr lebte sie auf der Straße. Ohne Schutz, ohne Halt, ohne Erwachsene, die Verantwortung übernahmen. Mit siebzehn traf sie eine Frau, die ihr einen Schlafplatz anbot – gegen Arbeit. Meine Mutter schleppte Kohle in einen Keller. Als sie fertig war, wurde sie ausgelacht und hinausgeworfen. Was dann geschah, wurde später als „Totschlag“ eingestuft. Meine Mutter schubste die Frau. Der Kopf schlug gegen eine Heizung. Die Frau starb. Meine Mutter kam ins Gefängnis. Dort begann sie, sich auffällig zu verhalten – spielte verrückt, wie man es damals nannte. Das führte zu ihrer Einweisung in die Psychiatrie. Dort erhielt sie mehrere Diagnosen: Psychopathie, Schizophrenie, dazu schwere Depressionen und wiederkehrende Wutattacken. Psychopathie war bei ihr keine „Erkrankung“ im klassischen Sinn. Sie war der Ausgangspunkt. Die Grundlage. Ein paar Jahre später lernte sie in der Klinik meinen Vater kennen. Sie heirateten. Er unterschrieb ein Dokument, in dem er sich rechtlich verpflichtete, die volle Verantwortung für meine Mutter zu übernehmen. Das Problem: Mein Vater war Analphabet. Er unterschrieb etwas, das er nicht lesen konnte. Zwei Jahre später wurde ich geboren.
Die ersten Jahre
Kurz nach dem Tod meiner Großmutter wurde ich geboren. Es war kein Neubeginn, sondern eher ein Nachbeben. Meine Mutter kam mit dieser Situation nicht zurecht. Nicht, weil ein einzelnes Ereignis sie aus der Bahn geworfen hätte, sondern weil sie mit sich selbst nie wirklich im Klaren war. Die Geburt eines Kindes hat diese innere Instabilität nicht geheilt, sondern verstärkt. Meine Mutter entwickelte eine schwere Depression. Sie aß kaum, schlief schlecht und meldete sich schließlich selbst in einer Klinik an. Tagsüber fuhr sie dorthin, während mein Vater frühmorgens zur Arbeit ging. Das Problem war banal – und gleichzeitig existenziell: Säuglinge können sich weder selbst versorgen noch still warten, bis jemand zurückkommt. Ich lag stundenlang allein in meinem Bett. Ich schrie. Irgendwann hörte ich auf. Erst als mein Vater bemerkte, dass selbst die Tiere auf dem Hof vernachlässigt wirkten, begann er zu ahnen, dass etwas nicht stimmte. Er bat meine Tante, meiner Mutter ein wenig zu helfen. Ohne große Vorwarnung ging sie eines Tages ins Haus – und fand ein schreiendes Kind. Allein.
Sie kam wieder. Mehrmals. Und stellte schließlich fest, dass ich offenbar seit Wochen regelmäßig allein gewesen war. Mein Vater reagierte nicht mit Fürsorge, sondern mit Gewalt. Er schlug meine Mutter. In seiner Welt war das Disziplin. Kirche, Alkohol und Dorfmoral hatten ihm beigebracht, dass dies ein legitimes Mittel sei. Meine Mutter brach erneut zusammen und ging wieder ins Krankenhaus. Dieses Mal bat mein Vater meine Tante ausdrücklich, auf mich aufzupassen. Das funktionierte – eine Zeit lang. Ich war etwa ein Jahr alt, vielleicht etwas jünger, als sich zeigte, dass mein Körper bereits verstand, was mein Verstand noch nicht benennen konnte. Jedes Mal, wenn ich zu meiner Mutter zurückgebracht werden sollte, klammerte ich mich an meine Tante. Einmal so fest, dass ich ihr die gesamte Knopfleiste aus dem Hemd riss. Ich wollte nicht loslassen. Nicht zurück.
Mit zwei Jahren saßen die Frauen aus dem Dorf beisammen, bereiteten etwas vor, redeten. Die Kinder spielten – theoretisch auch ich. Praktisch saß ich still da. Meine Mutter hatte mir eine Banane in die Hand gedrückt. Ich mochte keine Bananen. Ich mochte sie noch nie. Trotzdem saß ich da und aß sie. Langsam. Bissen für Bissen. Ich nahm sie nicht vom Mund weg, weil ich Angst hatte, dass meine Mutter es sehen könnte. Dass sie wütend würde. (Anmerkung am Rande: Bis heute halte ich Bananen für überschätztes Obst. Mein Vater meinte einmal, wenn er Holz essen wolle, gehe er ins Sägewerk. In diesem Punkt stimme ich ihm zu.) Kurz darauf ging meine Mutter mit mir zum Arzt. Meine Hüften waren nicht korrekt entwickelt, ich lief ungern, kroch lieber. Der Arzt verordnete orthopädische Schuhe und spezielle Kleidung. Meine Mutter hörte zu, nickte – und entschied sich dann bewusst dagegen. Ärzte, so ihre Überzeugung, hätten keine Ahnung. Sie würde mir das Laufen selbst beibringen. Sie tat es. Nicht mit Geduld, sondern mit Gewalt. Sie jagte mich durchs Dorf, schlug mich mit Zweigen, jedes Mal, wenn ich stehen blieb oder mich setzte. Irgendwann lief ich. Nicht, weil mein Körper bereit war, sondern weil Stillstand gefährlicher war als Bewegung. Nach einer gewissen Zeit begann mein Vater immer häufiger zu trinken. Mit dem Alkohol nahm auch die Gewalt zu. Meine Mutter versuchte, sich zu schützen, indem sie meinem Vater Sexualität entzog. Sie verweigerte ihm Sex – nicht aus Macht, sondern aus Überforderung, Angst und Abwehr.
Das Ergebnis war kein Rückzug, sondern Eskalation. Mein Vater wurde noch gewalttätiger. Er vergewaltigte sie mehrfach.
Diese Dynamik ist wichtig zu benennen, weil sie zeigt, dass Gewalt in diesem Haushalt kein individuelles Versagen war, sondern ein System aus Macht, Alkohol, religiöser Legitimation und völliger emotionaler Verwahrlosung. Mein Nervensystem entstand nicht im luftleeren Raum. Schließlich entschied sich meine Mutter, mich eines Tages mitzunehmen und zu fliehen. Sie ging in ein Mutter-Kind-Heim. Dort erhielt sie erstmals strukturierte Unterstützung. Für eine kurze Zeit schien sich etwas zu stabilisieren. Wir blieben dort etwa sechs Monate. Im sechsten Monat bekam meine Mutter ein Vorstellungsgespräch. Sie bat eine andere Frau aus dem Heim, einen Tag lang auf mich aufzupassen. Die Frau stimmte zu. Meine Mutter ging. Und kam nicht zurück. Sie vergaß mich. Für mehrere Tage.
Polen ist bekannt für lange Bewerbungs- und Einstellungsprozesse – aber selbst mit viel Wohlwollen dauert kein Vorstellungsgespräch vierundzwanzig Stunden, vier Tage am Stück. Wovon ich jedoch überzeugt bin: Wäre das Jugendamt nicht eingeschritten, hätte meine Mutter mich sehr viel länger vergessen.
Ich kam ins Kinderheim.
Nach etwa einem halben Jahr – ein Zeitraum, an den ich bis heute erstaunlich klare Erinnerungen habe – holte meine Mutter mich wieder zu sich. Inzwischen hatte sie einen Bürojob. Und einen Mann kennengelernt. Dieser Mann war deutlich älter als sie – über zwanzig Jahre Altersunterschied. Eine Konstellation, die selten Stabilität verspricht, aber sehr zuverlässig Machtgefälle.
Sie war seine Geliebte. Er war verheiratet. Seine Ehefrau litt an Krebs. Er hatte eine erwachsene Tochter, etwa zehn Jahre jünger als meine Mutter. Wir zogen in eine Einzimmerwohnung. Und dort begann für mich die eigentliche Hölle.
Nach dem Kinderheim – erste Jahre bei dem älteren Mann
An den Anfang der Beziehung meiner Mutter mit diesem Mann erinnere ich mich kaum. Ich weiß nur, dass er deutlich älter war als sie und dass ich ihn gesehen habe. Meine ersten klaren Erinnerungen aus dieser Zeit sind andere.
Eine davon sind die Windpocken. Mein Gesicht war vollständig übersät, kaum ein freier Fleck. Meine Mutter ging nicht mit mir zum Arzt… Stattdessen kaufte sie eine billige Wundsalbe in der Apotheke, zog mir Handschuhe an, damit ich mich nicht kratzte, und ließ mich wochenlang schlafen. Ich hatte hohes Fieber. Als sie mich nach zwei Wochen wieder in den Kindergarten brachte, fragten die Erzieherinnen, wie ich das überstanden hätte. Ob ich sehr krank gewesen sei. Meine Mutter wusste es nicht. Sie hatte nicht bemerkt, dass ich Fieber hatte.
Eine andere Erinnerung ist das sogenannte Teufelskind. Meine Mutter zog mir fast alle Kleidung aus, ließ mir nur die Unterhose an, klebte mich mit Zeitungspapier ein und bastelte mir eine Mütze mit Hörnern. Dann musste ich singen:
„Das Teufelskind bin ich, tra-la-la-la. Tra-la-la… “
Sie fotografierte mich dabei. Sie lachte. Ich stand da und wollte verschwinden. Bis heute höre ich diese Melodie in meinem Kopf. In dieser Zeit zeigte sich auch schon meine Abneigung gegen Fleisch. Ich konnte morgens frühstücken und hatte noch das Schnitzel vom Vortag im Mund. Ich wollte es nicht essen. Prinzipiell nicht. Das wurde nicht akzeptiert. Essen war kein Bedürfnis, sondern ein Zwang. Meine Mutter kaute das Essen vor, spuckte es mir in den Mund, mahlte es oder zwang es mir hinein. Wenn ich mich übergab, musste ich das Erbrochene wieder essen. Das war Alltag.
Ein weiteres Bild: Wir wohnten hoch. Eines Tages sagte meine Mutter, – ich müsse jetzt aus dem Fenster springen, weil du nicht brav bist- . Sie öffnete das Fenster, ging hinaus – und verschwand. Ich hatte panische Angst um sie. Später tauchte sie wieder auf. Wie ich später erfuhr, war sie über den Nachbarbalkon zurückgekommen. Damals wusste ich nur: Meine Angst war echt. Kurz darauf starb die Ehefrau dieses Mannes an Krebs. Seine erwachsene Tochter beschuldigte meine Mutter, schuld am Tod ihrer Mutter zu sein – nicht wegen der Krankheit, sondern weil meine Mutter an dem Tag, an dem sie starb, mit ihrem späteren Mann im Bett gewesen war. Wir zogen in seine Wohnung. Ich bekam dort mein eigenes Zimmer. Das einzige Mal in meinem Leben. Was das bedeutete, verstand ich erst viel später.
Die Gewalt hörte nicht auf. Eines Tages brachte mein Stiefvater meiner Mutter eine neue Messersäge. Nach einem Streit wurde sie extrem wütend. Sie schlug mich. Ich versteckte mich hinter einem Schrank. Sie fand mich. In letzter Sekunde schaffte ich es, die Hände vors Gesicht zu reißen, als sie die Messer nach mir warf. Ich war im letzten Kindergartenjahr, kurz vor der Schule. In dieser Zeit wurde ich auch gezwungen, gegen meinen Stiefvater auszusagen. Weil ich mich weigerte, sperrte mich meine Mutter für drei Nächte auf den Balkon. Es war Winter. Ich trug nur Unterhose und T‑Shirt, schlief auf einer dünnen Matte im Schlafsack. Ich durfte mehrmals täglich zur Toilette und bekam abends etwas zu essen. Tagsüber erklärte sie mir, was ich sagen sollte, damit es glaubwürdig klang. Später behauptete sie, ich hätte selbst dort schlafen wollen. Wenn mein Stiefvater da war, war meine Mutter liebevoll. Freundlich. Fast normal. Er war nie brutal zu mir. Das Problem war: Er war meist bei der Arbeit. Die einzigen Tage, an denen ich nicht geschlagen wurde, waren Sonntage.
Nullklasse, erste Klasse – als das Kind Geld verdienen konnte
Als ich in die Nullklasse und später in die erste Klasse kam, stellte meine Mutter fest, dass ich nun alt genug sei, Geld nach Hause zu bringen.
Sie nahm mich mit auf Spaziergänge und zeigte mir, wie man Aluminium, Metalle und andere verwertbare Dinge sammelt. Sie erklärte mir, wo man sie verkauft und wie viel man dafür bekommt. Es war keine pädagogische Maßnahme. Es war eine wirtschaftliche.
Parallel dazu blieb ich alles, was sie gerade brauchte: beste Freundin, Beraterin, Therapeutin, Ersatz‑Psychologin. Ich hörte zu. Ich tröstete. Ich erklärte ihr die Welt, obwohl ich sie selbst nicht verstand.
Ich erinnere mich daran, wie sie auf dem Boden saß und unter sich uriniert hatte. Ich half ihr aufzustehen, wusch sie, machte sauber. Ich erinnere mich daran, ihren Nachttopf zu leeren und zu reinigen.
Heute sagen Menschen oft, ich könne gut mit alten Leuten umgehen, und fragen, warum ich nicht in der Pflege arbeite. Die Antwort ist einfach: Ich habe mein Pflegejahr bereits abgeschlossen. Mit acht.
Mit acht wurde ich ins Kinderheim gebracht.
Die Schule hatte Polizei und Jugendamt verständigt, weil ich in den Pausen ständig einschlief. Beim schulärztlichen Untersuchungstest fiel auf, dass ich stark untergewichtig war, eine schwere Anämie hatte und blaue Flecken trug. Nicht alle ließen sich verbergen.
Ich versuchte, meine Mutter zu schützen. Ich beschrieb alles so mild wie möglich. Ich sagte, sie hätte mich manchmal mit einem Lappen geschlagen. Ich ließ weg, was ein Jahr zuvor noch passiert war. Ich tat so, als hätte sie mich auch beschützt. Als hätte ich eigentlich gar nicht gerettet werden wollen.
Ich dachte, sie hätten es geglaubt.
Im Kinderheim traf ich auf dieselbe Art von Erziehung, die meine Mutter selbst erlebt hatte. Nur zeitversetzt. Es war kein gutes Wiedersehen.
Ich begann, ein starkes Interesse an meinem eigenen Körper zu entwickeln. Als eine Erzieherin bemerkte, dass ich mich selbst berührte, stellte sie mich vor eine Gruppe von fünfzehn Mädchen. Ich musste die Hände ausstrecken. Sie schlug mit einem hölzernen Messstab darauf und erklärte, dass sich „da unten“ anzufassen die größte Sünde sei. Ekelig. Verwerflich. Die Matchen lachten.
Kurz darauf stahl ich etwas. Ich wurde erwischt, bestraft – und tat es nie wieder.
Zwei Mädchen aus meinem Zimmer bemerkten, dass ich mich nicht verteidigen konnte. Sie stahlen regelmäßig Geld von anderen und schoben mir die Schuld zu.
Den Großteil der folgenden zwei Jahre verbrachte ich im Isolationszimmer. Genauer gesagt: zwischen Isolationszimmer und Schule.
In diesem Raum standen ein Babybett und eine Puppe. Ich begann zu fühlen, dass diese Puppe meine Tochter sei. Ich wusste nicht, wie ich sonst Nähe oder Verantwortung empfinden sollte.
Außer der Schule gab es wenig. Bücher, die ich für den Unterricht brauchte. Die Puppe.
Einmal pro Woche bekam ich drei Kleidungsstücke und ein paar Unterhosen. Manchmal hatte ich einen halben Tag lang nichts zu trinken, wenn ich es mir nicht selbst beim Mittagessen aus der Küche holte. Abends wurde ich gelegentlich vergessen. Ich klopfte lange, wenn ich zur Toilette musste.
Ich lernte schnell: Wenn man in Polen weint, gilt man sofort als schuldig.
Also zog ich mich zurück.
Ich lernte schreiben. Ich schrieb Gedichte.
In der dritten Klasse wurde ich aus dem Kinderheim entlassen und kam zurück zu meiner Mutter. Sie nahm mich von der alten Schule und meldete mich an einer neuen an. Diese Schule war gut. Ich liebte sie. Ich hatte Freunde. Ich vertrat die Schule mehrfach mit Gedichten und in anderen humanistischen Fächern.
Finanziert wurde das alles von meiner Tante. Meine Mutter hatte nichts dagegen.
Zwei Jahre später kam ich erneut ins Kinderheim. Wieder galt ich als Problem. Zum Weihnachten durften wir Wunschbriefe schreiben. Die anderen Mädchen wünschten sich Laptops, Handys. Ich dachte, ich sei nicht gut genug, um um etwas zu bitten. Also schrieb ich, dass ich gern einen Diddl‑Maus‑Becher hätte.
Ich bekam ihn. Die anderen bekamen ihre Geschenke. Ich war wütend auf mich. Aber ich dachte, ich hätte nichts Besseres verdient.
Schließlich war das das, was meine Mutter mir beigebracht hatte. Bis dahin war ich mehrfach mit schweren Depressionen diagnostiziert. Ich wusste nur, dass ich mich immer weiter zurückzog und immer erwachsenere Gedichte schrieb.
Die Erzieherinnen versuchten, mich zu „normalisieren“.
Im Kinderheim galt ich schnell als das Problemkind. Die Erzieherinnen sagten, ich sei schwierig, ungehorsam, problematisch. Doch war ich das wirklich?
Schon mit sechs Jahren verdiente ich eigenes Geld – und gab alles meiner Mutter. Besitz, Spielzeug, kleine Dinge, die mir gehörten, durfte ich nie behalten. Alles, was ich besaß, musste ich später verkaufen, weil meine Mutter neue Wünsche hatte. Sie brauchte das Geld, und dass sie dafür selbst arbeitete, war nie eine Option.
Die Verantwortung über neue Möbel, Schränke oder das Haus lag somit an mir, an dem, was ich verdiente. Ich verstand schnell: Meine Anerkennung, meine Stellung im Heim, die Autorität der Erzieherinnen – alles war an Leistung geknüpft. Gefordert wurde viel, erklärt wurde kaum etwas. Ich fand mich damit ab, nahm die Last auf mich und lernte, dass Problem sein nur eine Frage der Perspektive war.
Über Jahre hinweg wiederholte sich dasselbe Muster. Zwei Jahre bei meiner Mutter, zwei Jahre im Kinderheim. Zwei Jahre Nähe, zwei Jahre Isolation. Zwei Jahre Gewalt, zwei Jahre Strafe. Der Ort wechselte – das Prinzip nicht. Wenn etwas schiefging, war ich schuld. Immer.
Kam meine Mutter nicht, um mich fürs Wochenende abzuholen, fanden die Erzieherinnen schnell einen Grund, warum ich „es mir verscherzt“ hatte. Eine Regel nicht richtig verstanden, zu langsam reagiert, falsch geguckt. Was sie nicht wussten: Ich war erleichtert. Spätestens ab meinem achten Lebensjahr freute ich mich, wenn ich nicht zu meiner Mutter musste. Nicht, weil ich rebellisch war, sondern weil ich gelernt hatte, wo Gefahr lauert.
Denn spätestens ab diesem Alter verstand ich, was Männer von mir wollten – und dass meine Mutter das wusste. Ihr neuer Mann griff mir unter das T‑Shirt. Meine Mutter ging währenddessen stundenlang mit den Hunden spazieren. Später erfuhr ich, dass dieser Vorfall aktenkundig wurde und sie aufgefordert war, die Wohnung zu wechseln. Ich selbst sagte nichts. Ich stellte nur eine Frage: ob es normal sei, dass erwachsene Männer so etwas bei Mädchen tun. Das genügte.
Als meine Mutter davon erfuhr, durfte sie mich nicht abholen. Eine Stunde Besuchszeit wurde ihr gewährt. Diese Stunde verbrachte sie nicht damit, mich zu schützen, sondern mich zu verhören. Sie war überzeugt, ich hätte gesprochen. Ich hatte nicht gesprochen. Ich hatte nur gefragt. Trotzdem wurde ich bestraft – auch im Kinderheim. Schutz war relativ. Schuld war konstant.
So wuchs ich auf: zwischen Institutionen und Zuhause, zwischen Schlägen und Isolation, zwischen Anpassung und Angst. Ob bei meiner Mutter oder im Kinderheim – ich wartete immer auf die nächste Strafe. Ich lernte früh, dass mein Körper verhandelbar war, dass Nähe gefährlich ist und dass Schweigen keine Sicherheit garantiert So wuchs ich auf: zwischen Institutionen und Zuhause, zwischen Schlägen und Isolation, zwischen Anpassung und Angst. Ob bei meiner Mutter oder im Kinderheim – ich wartete immer auf die nächste Strafe. Ich lernte früh, dass mein Körper verhandelbar war, dass Nähe gefährlich ist und dass Schweigen keine Sicherheit garantiert.
Nachdem ich schließlich aus dem Kinderheim floh, um einer Jugendhaft zu entgehen, war ich noch immer naiv in meinem Weltbild. Ich glaubte, dass ein Erwachsener, der mir erlaubte, bei ihm zu übernachten, wirklich nur Schutz bot. Was ich später begriff: Dieser erwachsenen polnische Männer, die mir damals Zuflucht gewährten, taten es teilweise, um an meinen Körper zu gelangen oder sexuelle Leistungen von mir zu verlangen. Mein Nervensystem, über Jahre trainiert auf Schuld, Angst und Dauerstress, war bereits am Zusammenbrechen. Die Männer, die meine Hilflosigkeit bemerkten, hatten leichtes Spiel. Ich war zu überfordert, zu verunsichert und zu konditioniert darauf, dass jede Reaktion falsch sein könnte, um mich zu verteidigen.
So wurde Überleben in dieser Zeit oft mit Zwang und Missbrauch verbunden. Die Lektion, die ich gelernt hatte, war brutal klar: Vertrauen konnte nicht schützen, Schweigen nicht entlasten, und der Körper, der schon als Kind verhandelbar war, blieb weiterhin verletzlich. Meine Mutter schaffte es noch einmal, mich davon zu überzeugen, zu ihr zurückzukehren. Ich zog zu ihr, obwohl ich längst wusste, dass Nähe zu ihr nie Sicherheit bedeutete. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt mit einem Mann zusammen. Sie erklärte mir, das Ganze sei ein Geheimnis. Sie sagte, sie sei von einem anderen Mann schwanger und dürfe auf keinen Fall mit ihrem Partner schlafen, weil sie sonst das Kind verlieren würde.
Gleichzeitig machte sie mir klar, dass dieser Mann uns aus der Wohnung werfen würde, wenn sie nicht aufhörte, ständig Streit zu provozieren. Ihre Lösung war einfach – und grausam logisch in ihrer Welt: Jemand müsse mit ihm schlafen. Und dieser jemand war ich.
Ich sagte Nein. Immer wieder. Daraufhin drohte sie mir mit der Polizei. Sie drohte, meinen Aufenthaltsort zu melden, mich zurückzuholen, mich „auffliegen zu lassen“. Irgendwann gab ich nach. Nicht, weil ich wollte, sondern weil ich keine andere Möglichkeit sah. Unter einer Bedingung: Sie sollte mir die Sorgerechte für das Kind übertragen, das sie angeblich erwartete. Das Kind sollte kurz nach meinem 18. Geburtstag geboren werden. Ich wollte verhindern, dass ein weiteres Kind in diese Familie hineingeboren wird und dass meine Geschwister das gleiche Leben führen müssen wie ich.
Ich spielte dem Mann Liebe vor. Ich funktionierte. Meine Mutter erhielt teure Geschenke. Ich war Mittel zum Zweck. Kein Mensch, sondern eine Ware, die man einsetzt, wenn man selbst die Kontrolle verliert.
Irgendwann stellte sich heraus, dass meine Mutter gar nicht schwanger war. In dem Moment rannte ich wieder weg. Dieses Mal zu meinem Freund. Doch auch dort fand ich keinen Schutz. Er sperrte mich ein. Er schlug mich regelmäßig. Ich wurde schwanger. Ich verlor das Kind.
Später erfuhr ich, dass mir mein Kind durch das Jugendamt entzogen wurde – unter anderem aufgrund der Aussage meiner eigenen Mutter, die vor Gericht gegen mich aussagte. Die restliche Geschichte, das, was danach in Deutschland geschah, kennen viele bereits aus meinen früheren Blogartikeln.
Warum erzähle ich das alles?
Weil ich nicht nur Opfer einzelner Menschen bin, sondern eines Systems, das versagt hat, obwohl es schützen sollte. Weil meine Mutter nicht aus dem Nichts so wurde, wie sie war – auch wenn ich mir manchmal wünsche, sie allein dafür verantwortlich machen zu können. Und weil mein Nervensystem über Jahrzehnte hinweg auf Dauerstress, Angst und Anpassung programmiert wurde.
Ich bin 33 Jahre alt. Und seit etwa einem Monat – vielleicht anderthalb – erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben echte Ruhe. Niemand schreibt mir vor, wie ich mein Geld auszugeben habe. Niemand sagt mir, dass ich nichts zu Ende bringe. Niemand schreit mich an. Niemand benutzt mich.
Und ich habe Angst.
Eine tiefe, körperliche Angst. Nicht, weil etwas passiert – sondern weil nichts passiert. Weil ich nicht gewohnt bin, wie ein Mensch behandelt zu werden. Weil mein Körper gelernt hat, dass Ruhe gefährlich ist. Dass Sicherheit nicht lange hält. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich sicher. Geschützt. Frei. Und genau das fühlt sich an wie ein Entzug. Mein Kaffeeentzug war leichter. Den konnte ich durch grünen Tee ersetzen, als Kaffee mir eines Tages einfach nicht mehr schmeckte. Aber womit ersetzt man jahrzehntelangen Stress? Dauerhafte Alarmbereitschaft? Angst als Normalzustand? Zum ersten Mal bin ich eng befreundet mit einem Menschen, der mich sieht. Der mich respektiert. Der mich nicht benutzt. Und allein der Gedanke daran bringt mich zum Weinen.
Fußnote : Stressabhängigkeit und Trauma
Stresssucht ist ein reales, oft unterschätztes Phänomen. Bei Menschen mit chronischem Trauma, wie beispielsweise bei komplexer posttraumatischer Belastungsstörung (CPTSD), spielt Stress eine zentrale Rolle: das Gehirn lernt, unter Dauerstress „zu funktionieren“ und reagiert auf Ruhe oder Sicherheit oft mit Unwohlsein oder innerer Anspannung.
• Kernmechanismen: Chronische Übererregung, emotionale Dysregulation, Hypervigilanz und gesteigerte Cortisol- sowie Adrenalinproduktion. Betroffene suchen unbewusst Druck, Hektik oder externe Herausforderungen, weil Ruhe sich ungewohnt, ineffektiv oder sogar bedrohlich anfühlen kann.
• Folgen: Erschöpfung, Schlafstörungen, körperliche Beschwerden (z. B. Herz-Kreislauf- oder Immunsystembelastungen), ständige innere Anspannung.
• Erkennung: Häufige Anzeichen für Stressabhängigkeit sind das ständige „Beschäftigtsein“, das Unvermögen, sich zu entspannen, die innere Unruhe ohne externe Reize, und die Überidentifikation mit Leistung oder Produktivität.
• Forschung: Studien zeigen, dass traumatisierte Menschen durch chronische Stresshormonausschüttung neuronale Stresspfade verstärken (z. B. van der Kolk, 2014; Cloitre et al., 2019). Das bedeutet: Das Gehirn wird so trainiert, dass es unter Stress leistungsfähig ist, aber Ruhe als bedrohlich wahrnimmt.
Kurz gesagt: Stress kann, ähnlich wie eine Sucht, das Verhalten steuern. Menschen, die stressabhängig sind, leben im Daueralarm, entwickeln jedoch paradoxerweise eine Abhängigkeit von diesem Zustand, während Entspannung und Normalität als fremd und unangenehm erlebt werden.
https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/achtsamkeit-vorsicht-stress-kann-suechtig-machen/22590522.html https://www.womenshealth.de/health/psychologie/leidest-du-unter-stress-oder-bist-du-suechtig-danach-oder-vielleicht-beides/
https://www.endokrinologie.net/pressemitteilung/dauerstress-hormongleichgewicht.php
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